Freitag, 23. August 2013

Komet ISON: keine Euphorie bitte!

Kam zu Kohoutek-Zeiten die übertriebenen Erwartungen eher von der Seite der Massenmedien, so gibt es (wie schon bei PANSTARRS) in manchen Kreisen der Astroszene kommerzielle Interessen an einer möglichst lang anhaltenden Kometeneuphorie. Einige kommerzielle Anbieter rechnen offenbar fest mit einem Jahrhundertkometen und hoffen auf gute Fernrohrverkäufe. Ich möchte niemandem in die Suppe spucken, aber vor zu viel Euphorie warnen. Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, dass ISON ein Jahrhundertkomet wird. Die letzten Entwicklungen raten eher zur Vorsicht: Fakt ist:

  • Ein guter Fernrohr-Fachhändler ist nicht notwendigerweise ein guter Kometenguru.
  • Keiner kann derzeit die Helligkeitsentwicklung des Kometen seriös abschätzen.

  • die ersten Beobachtungen nach der Unsichtbarkeit am Taghimmel deuten eher darauf hin, dass sich der Trend, dass der Komet hinter den Erwartungen zurückbleibt, fortsetzt. 

 Beobachtungen Ende August zeigen den Komet derzeit bei etwa 13.-14. Größe. Das ist 1-2 Größenklassen unter den optimistischeren Prognosen.



 Lichtkurve des Kometen ISON. Ganz rechts sieht man die letzten Helligkeitsschätzungen. Quelle: Yoshida. Man beachte: Der Komet bleibt seit längerem deutlich unter der Lichtkurve m=5.5+ 5*log delta + 10 * log r. 


Foto von Michael äger vom 17.8. 2013. Der Komet war nur 3 Grad über dem Horizont. Michael schätzt den Kometen auf etwa 13. Größe. 



Rechnet man mit diesen Helligkeiten (und denen aus dem Mai) eine stumpfe Prognose, so würde der Komet im Perihel immerhin noch -4 bis -7 mag hell werden. Aber da steht er sehr dicht an der Sonne. Wenn Ende November und Anfang Dezember vor dunklem Himmel beobachtbar ist, ergäben sich leider je nach verwendeten Parametern Helligkeiten um 4. bis 5. Größe. DAS ist dann kein Jahrhundertkomet mehr, sondern angesichts der geringen Horizonthöhe ein Objekt für Experten.



Dennoch gibt es ein paar Unbekannte in der Rechnung:

  • Derzeit steht der Komet recht niedrig, und die Helligkeiten sind oft CCD-Helligkeiten - die oft hinter den visuellen Helligkeiten zurückbleiben. Erst in den kommenden Wochen werden wir klarer sehen.
  • Auch dürfte der Komet im Perihel durch die Gezeitenkräfte fragmentieren, und was danach passiert, wissen nur Hellseher: Der Komet kann sich dabei komplett auflösen, oder die vergrößerte Oberfläche kann die Staub- und Gasproduktion dramatisch erhöhen (wie z.B. bei Komet West 1976 oder auch bei einigen Kreutz-Sungrazern), was einen explosionsartigen Anstieg der Helligkeit zur Folge haben könnte. Selbst wenn der Komet sich am 20.11. unspektakulär verabschieden sollte, könnte er im Dezember ein tolles Objekt sein. Aber: All das ist tiefste Kristallkugel, und eine Kohoutek-Revival-Party zu Weihnachten 2013 ist durchaus im Bereich des Möglichen!
Auf jeden Fall möchte ich warnen vor einer zu euphorischen Einschätzung des Kometen. Wir warten ab, trinken Tee, und hoffen auf eine Wendung zum Guten.

Hartwig Lüthen